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In der Wüste
Im Vergleich zu den kleinen, steinernen Spalten und versteckten Lebensräumen zwischen den Trümmern des göttlichen Paradieses von Rohar und Zohar war dieser kleine Wald ein Fels in der Brandung der Trostlosigkeit.
Traurigkeit
Birk erfasste eine tiefe Traurigkeit, sie zog ihn hinab wie ein Senkblei, das in den schwarzen Tiefen des Ozeans verschwand und dessen einzige Funktion darin bestand, zu beweisen, welche Untiefen der hoffnungsschwangere Ozean des Lebens doch hatte und welch dunkle Orte es in dieser Welt geben konnte.
Mann über Bord
Das Piratenschiff zog an ihm vorbei und er trieb bald im
Kielwasser zwischen den Wellen umher. Bereits nach
wenigen Schwimmzügen, mit denen er sich über Wasser zu halten versuchte, hatte sich das Schiff so weit von ihm entfernt, dass es nur noch gelegentlich auftauchte, wenn ihn eine größere Welle ein wenig anhob. Birk verlor erst die Orientierung und schließlich die Hoffnung inmitten dieses riesigen Ozeans, in dem niemand seine Position kannte, geschweige denn überhaupt jemand, den er kannte, von der Existenz dieses Meeres wusste. Wenn er recht überlegte, wusste er selbst nicht mehr genau, wie er in dieser endlosen Wüste der Hoffnungslosigkeit landen konnte. Unter seinen Füßen fiel ein bodenloser, feuchter Abgrund hinab, während über ihm der Himmel in seinen endlosen Weiten bereits dämmerte und sich die Welt bereit machte für die Nacht. Während er gefangen zwischen Himmel und Abgrund umhertrieb, senkte sich langsam die Dunkelheit über dem abflachenden Wellenmeer. Es schien fast so, als legten sich mit dem Untergang der Sonne am Horizont nun auch die Wellen schlafen, als gäbe es an diesem Ort nichts Bedeutsames mehr, um das man sich kümmern musste, niemanden, für den man sich erheben musste.
Birk bemühte sich, trotz der bedrohlichen Situation, in der er sich befand, ruhig zu bleiben. Er wusste, dass er jetzt seine Kräfte einteilen musste, wenn er überhaupt eine Chance haben wollte, zu überleben. Niemand suchte ihn, niemand wusste, wo er war.
Schließlich wusste er nicht einmal selbst, wo er war. Der
einzige Weg, an diesem entlegenen Ort dem sicheren Tod zu entgehen, war es, sich ruhig zu verhalten und treiben zu lassen. Wo hätte er auch hinschwimmen sollen? Jede Richtung war so gut wie jede andere. In den Weiten des Ozeans wuchsen keine Wälder, hatte niemand einen Trampelpfad hinterlassen oder gar einen Wegweiser aufgestellt, der ihm den rechten Weg hätte weisen können. Also konnte er es auch einfach dem Schicksal überlassen, wo es ihn mit der Strömung des Meeres und der leichten Abendbriese hintreiben würde, falls es hier überhaupt eine Strömung oder einen Wind gab, die sich um ihn scherten. Stunden vergingen so, in denen er nur ruhig auf dem Rücken liegend vor sich hin trieb, mal mehr, mal weniger frierend, den Blick immer in den Himmel gerichtet, als könnte er sich an den Sternen festhalten, um nicht in die Bedeutungslosigkeit hinabzusinken.
Es war ihm, als würde er auf eine seltsame Art und Weise träumen, denn es war bereits mitten in der Nacht als er sich seinem gedanklichen Gleichklang bewusst wurde und überhaupt erst bemerkte, dass in dieser Nacht auffällig viele Sterne am Himmel zu sehen waren. Während sein Geist die unmittelbar drohende Gefahr des Todes von sich wegschob, nickte er ein um das andere mal treibend ein. Und so schaukelte Birk durch eine endlose Wüste im Nirgendwo zwischen einem Ozean unter seinen Füßen und dem Sternenmeer über seinem Kopf.
Familiengeschichte
Nach ihrer Rückkehr blieben Birk und Puk einige Zeit bei Karl und seinen Brüdern. Sie hatten niemanden als nur sich selbst von ihrer Seefahrt mit heim gebracht. Und doch waren sie mehr als diejenigen, die aufgebrochen waren, ihre Nächsten in der Ferne zu finden. In ihrem Versteck im Unterholz saßen und aßen und tranken und redeten sie tage- und nächtelang über die, die nicht bei ihnen sein konnten und doch ein Teil von ihnen waren, hinausgespült in die weite Welt und doch verhaftet in ihren Herzen und ihrer Brust.
Bei jedem Menschen, jedem Kind und jeder Schwester war es, als hätten ihre Herzen einen Anker ausgeworfen, der sich tief in den Meeresboden der Zeit gegraben hatte und an ihnen riss, während die Strömung versuchte, sie hinaus, weiter von ihnen weg zu ziehen. Ihre Herzen bluteten unaufhörlich.
Und so war es gut, dass sie sich am Lagerfeuer in ihrem Räuberversteck in den Armen lagen, in den Himmel blickten und einander trösteten, auch wenn sie alle untröstlich über den Verlust waren.
Klara
Vielleicht waren ihre Träume aber auch niemals erreichbar.
Sie hatte so eine Sehnsucht nach einer ruhigen Bucht, einem sicheren Hafen, in dem sie alle Verantwortung ablegen und selbst nur ein Kind sein konnte. Doch wie konnte man ein Kind sein, wenn man keine Eltern hatte, die die eigenen Träume trugen?
Wenn es niemanden mehr gab, an dessen Schulter man sich anlehnen, in dessen Schoß man sein ganzes Leid hinein weinen konnte, der einem sanft über das Haar fahren und den Kopf streicheln konnte, der allzu schwer mit Gedanken voll war, das sie die Seele darin fast erdrückten und jede Hoffnung wie einen Kerzenschimmer in tiefster, dunkler Nacht auszuhauchen drohten, dann war man kein Kind mehr. Dann war man etwas anderes geworden. Ein gehäutetes Kind, das sich selbst abgelegt hatte, um zu überleben, weil die alte Welt zu klein geworden war.
Und mit jedem Verlust und jedem großen Schmerz hatte sich eine weitere Verwandlung eingestellt bis eines Tages von außen nicht mehr erkennbar war, welcher zarte Sproß sich einst darin befunden hatte, bereit und bestimmt dazu, sich in die Welt hinein zu recken, seine Blätter und Blüte der Sonne entgegen und seine Wurzeln in den Boden schlagend, auf den er vom Schicksal geworfen war.
Das Schicksal jedoch schien es auch gewesen zu sein, das Klara dazu verdammt hatte, ihre Kindheit hinter sich zu lassen. Und mit jeder Häutung hatte sie Schicht für Schicht das kleine liebe Mädchen hinter sich gelassen, das einst so hoffnungsfroh das Licht der Welt und ihrer Schrecken erblickt hatte.
Und doch hatte es ihr diese wundervolle Mission zugeteilt. Niemand, der ein Herz hatte, konnte sich gegen dieses Schicksal wehren. Und Klara hatte das größte Herz, das in die Brust eines Menschen hineinpasste. Was für eine Verschwendung wäre es gewesen, wenn es keine liebesbedürftigen Seelen gegeben hätte, deren offenen Arme es sich nicht mit dem Versprechen hätte entgegen werfen können „Ich halte dich!“.
„Die Größe mancher Herzen erkannte man erst richtig, wenn sie mit jedem Schritt, der einen von ihnen entfernte, größer wurden anstatt kleiner.“ philosophierte Birk. Auch von Elin hatte er sich vor langer Zeit so weit entfernt. Doch je weiter sie in den Nebeln der Vergangenheit verschwand, umso heftiger spürte er die Schallwellen ihres wachsenden Herzens, die sie mit all ihrer Liebe verströmte. Auch Elin hatte so ein großes Herz, das sie noch die fremdesten Menschen an ihren Tisch bat. Birk hatte keine Ahnung davon, wie groß ihr Schmerz gewesen sein musste, dass ihr Herz so angewachsen war, um seine Liebe zu verschenken und im Nebel der Zeit gefunden zu werden. Sie akzeptierte ihr Schicksal, als ihr eines Tages ein verletzter, kleiner Fuchs über den Weg lief, dass sie nun die Mutter des armen Tieres sein würde. Für sie war es keine abwegige Frage, das Tier mindestens so lange zu pflegen, bis es wieder gesund war. Es war für sie eine Frage der Liebe, eine Frage des Versprechens, das ihre Seele der Seele ihres kleinen Schützlings gegeben hatte. Und das Tier blieb bei ihr. Bis zu seinem Ende.
Birk hatte Elin immer dafür bewundert, wie selbstverständlich sie ihr Schicksal angenommen hatte, wie sehr sie alles gegeben hatte, was sie hatte, als wüsste sie nicht, was sie verlieren könnte und welchen Wert alles hatte. Wie sehr hatte er es besser gewusst, dass man nicht alles geben konnte, um nicht alles zu verlieren. Wie wenig konnte es wahr sein, dass es wirklich einen Menschen gab, der den Wert der Dinge kannte und trotzdem bereit war, alles wegzugeben für etwas, dessen Bedeutung er unmöglich kennen konnte. Wie wenig wusste er damals, dass all das Wissen keine Rolle spielte, wenn man sich mit diesem Einsatz, wie hoch er auch war, das Glück erkaufen konnte, nach dem man sich so lange Zeit so sehr gesehnt hatte. Wieviel konnte Glück wert sein?
Doch als er Elin das erste mal getroffen hatte, wusste er noch nichts davon, wie glücklich er darüber sein würde, Zeuge und Teil dieses Versprechens zu sein, bedingungslos für andere da sein zu wollen. Schließlich war er es, dem Halt geboten wurde.
Als er sie traf, war es möglicherweise seine eigene Fantasie, vielleicht auch ein leichter Abendhauch, der ihre goldenen Haare anhob, als würde er ihn auf ihre besondere Schönheit aufmerksam machen wollen. Es waren ihre Linien, die ihm so perfekt erschienen als hätte sie sich jemand ausgedacht. Als er ihr das erste mal näher gekommen war, war sein Bewusstsein so sehr von ihrem Geruch erfüllt, dass sein Herz kräftig gegen seine Brust schlug und ihn alle Worte vergessen ließen. Und so hatte er sie fest in den Arm genommen, hatte versucht, sie zu halten, als wäre es an ihm, ihr einen festen Punkt im Universum zu geben. Er hielt sie so lange wie ein Mensch brauchte, um Vertrauen zu fassen, einen anderen zu rühren und sich in ihm zu versenken.
Er hielt sie vielleicht länger als es sich gehört hätte, wenn man sich nicht kannte. Und doch war es möglicherweise gerade dieser Augenblick zu viel, der sich zwischen ihre Erwartungen geschoben hatte, die ihnen beiden zugeflüstert hatte „Ich liebe dich! Ich werde dich lieben und ich tue es jetzt schon, obwohl ich dich kaum kenne, und will es immer tun, wenn du mich lässt!“. Und schließlich war aus diesem Augenblick, der nur einen Hauch zu lange gedauert und ihre Herzen aneinander gedrückt hatte, das unglaublichste Wunder ihrer Welt geworden, das sie sich nicht schöner hätten ausdenken können.
Als Alva ihren ersten Schrei in die Welt hinein getan und ihre Augen aufgeschlagen hatte, um zu sehen, zu wem sie gehörte und wie ihre Welt beschaffen war, in der sie bedingungslos geliebt werden würde, verband dies Elins und Birks Herzen für den Rest der Ewigkeit miteinander, als seien sie eine chemische Verbindung eingegangen, die sich nie wieder lösen ließe. – Ein neuer Stoff, der die bekannten Grenzen der Natur um ein Wunder erweiterte. Alva hatte diese Liebe in das Logbuch des Lebens hinein gemeißelt, sodass ihre Liebe wie ein ewiges Denkmal in den Raum gesetzt war. Auch der Tod änderte nichts an diesem Wunder. Der Tod von Elin war nur ein weiteres Ereignis in einer Welt, die man nicht beherrschen konnte. Doch er änderte nichts an dem, was gewesen war, was eines Tages wirklich war. Es war ihre wahre Liebe. Und Birk und Alva wussten immer, dass etwas nicht deshalb weniger wahr wurde, nur weil es sich weiter in die Vergangenheit fallen ließ und vielleicht mit der Zeit in der Erinnerung verschwamm. „Es war wirklich und es wird eine Spur bleiben!“ hatten sie sich immer wieder gegenseitig versichert. Und es war wahr, weil es war.
Als Birk von Klara überwältigt wurde, war es nichts weniger als das Universum, das ihm dieses Wunder bescherte. Er wusste, dass es das Wunder, das er einmal erlebt hatte, nie wieder in dieser Welt geben würde. Und in seinem Herzen wollte er auch nicht, dass es dieses Wunder ein zweites mal geben konnte, weil es so ein einzigartiger Teil von ihnen geworden war. Doch als Birk Klara dabei bewunderte, wie sie sie selbst war, verstand er ein weiteres mal, wie wundersam und fantastisch seine Welt war. Wunder konnte man sich nicht ausdenken, wie man sie sich wünschte oder wie man wollte. Sie passierten einem einfach, wie die Geburt eines Kindes dem Universum passierte.
Es gab nichts, was er ihr in diesem Moment hätte sagen können und so blickte er noch einmal entlang der Reling über die Weite des Ozeans und schritt den Niedergang hinunter zur Höhle der Kinder. Die Kajüte war ein riesiger Raum, von dessen Decke einige Hängematten herab hingen, in denen es sich bereits die Kinder gemütlich gemacht hatten und längst schliefen.
Er schritt durch den Traubenstock selig schlafender Kinder,
deren kleine Körper durch das Heben und Senken des Schiffsrumpfes beim Durchschneiden der Wellen sanft hin und her schwangen und so wahrscheinlich in die süßesten Träume gewiegt wurden, die je ein Kind geträumt hatte. Beim Anblick dieser lieben und so unschuldigen Kinder merkte Birk erst, wie erschöpft er von seiner bisherigen Reise war und dass es sicher eine gute Idee wäre, wenn auch er sich in einer der zahllosen Hängematten ein wenig ausruhte. Er fand eine leeres Nest in der Nähe der Kinder, das scheinbar nur für ihn hier darauf wartete, dass er sich hineinlegte. Als auch er in dem dicken Tuch hin und her gewiegt wurde wie ein Kind, fühlte er sich so geborgen und sicher, dass er im nächsten Moment eingeschlafen war, als er seine Augen geschlossen und sein Schicksal den Wogen der Wellen und dem Schiff und Klara und dem Universum übergeben hatte.
Stille
Du bist so weit und ziehst das Licht
so leicht hinter dir her.
Sekunden bleiben Ewigkeiten,
Himmel bleiben schwer.
Die Nacht klingt weich
durch meinen Raum,
die Luft liegt still auf meiner Haut,
die Sterne schallen weit entfernt.
Ich hör sie kaum.
Ein sanfter Hauch Geborgenheit
deckt meine Schultern zu.
Ein Blick hält mich im Arm.
Ich träume – träum auch du.
Stille (Gedicht)
Du bist so weit und ziehst das Licht
so leicht hinter dir her.
Sekunden bleiben Ewigkeiten,
Himmel bleiben schwer.
Die Nacht klingt weich
durch meinen Raum,
die Luft liegt still auf meiner Haut,
die Sterne schallen weit entfernt.
Ich hör sie kaum.
Ein sanfter Hauch Geborgenheit
deckt meine Schultern zu.
Ein Blick hält mich im Arm.
Ich träume – träum auch du.
© Nils-Christoph Fiedler, 2025
